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Die Welt ändert sich momentan rasant.  Überall sehen wir Mitmenschen mit gesenktem Blick durch die Strassen gehen, sie wischen und tippen. Nicht selten wirken Sie mit ihren Kopfhörern dabei vom Alltagsleben entkoppelt. Bilder werden abgespeichert, Filme getauscht, Bewertungen und Eindrücke geteilt. Dies ist natürlich nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus einem zwischenzeitlich allumfassenden Phänomen, das wir Digitalisierung nennen.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung liegen auf der Hand, so wie die Wortherkunft bereits vermuten lässt – Im Latein bedeutet Digitus, Finger. Vieles deutet darauf hin, daß sich unser Leben radikal verändern wird, Angebote werden interational, dies gilt für Güter und Dienstleistungen, genauso wie für den politischen Einfluß von Staaten und ihrer Vertreter über Landesgrenzen hinweg. Im Zusammenhang mit Digitalisierung spricht man in der Wirtschaft zunehmend von Disruption. Laut Wikipedia ist eine disruptive Technologie eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt. Wikipedia ist in diesem Sinne selbst eine disruptive Erscheinung, wenn man an das Ende von Duden und Brockhaus in Mannheim denkt.

Sebstverständlich bietet die Digitalisierung große Chancen. Vieles lässt sich einfacher umsetzen. Meine Bewerbung um das Amt des Oberbürgermeisters in Ludwigshafen zeigt dies deutlich. Plakatgestaltung, Internetauftritt, Kommunikation – Tätigkeiten, die ich vorher an eine Agentur hätte übertragen müssen, kann ich nun selbst übernehmen. Das spart immens Kosten. Als Privatperson bekomme ich so wesentlich bessere Möglichkeiten, mich und meine Ideen darzustellen. Insofern kann man von einer Demokratisierung durch Digitalisierung sprechen.

Die Kostenersparnis hat wiederum eine zweite Seite – Tätigkeiten und Kenntnisse werden überflüssig. Ordnen wir bis dato den Ersatz menschlicher Arbeit und Erwerbsmöglichkeiten in der Regel noch Robotern und Maschinen zu und betrachten die Internationalisierung des Arbeitsmarkets mit gemischten Gefühlen, so stehen nun Aspekte disruptiver Technologie vor unserer Haustür, die einem den Atem verschlagen.Hierfür ein „einfaches“ Beispiel:

Wo einst spezialisierter Einzelhandel sein Angebot präsentierte, erleben wir zunehmend Leerstand neben Leerstand. Es ist ein Fehler anzunehmen, daß ein Center wie die Rhein-Galerie die Ursache für den „Niedergang“ der Ludwigshafener Innenstadt sei. Die Wurzeln der Verödung unserer Einkaufsstrassen und Fußgängerzonen liegen an anderer Stelle. Zum einen wird der Erfolg eines Handelsplatzes durch seine Erreichbarkeit bestimmt, zum anderen durch die Attraktivität der Angebote. Wer in der Innenstadt einen Laden betreibt, der muß sich über dessen Erreichbarkeit Gedanken machen; wird bspw. eine möglichst zentrale Lage anstreben, eigene kostenfreie Kundenparkplätze bereithalten oder Verrechnungswege zum Ausgleich der Parkkosten anbieten etc. Hier setzt die klassische Kritik an den großen Einkaufscentern wie der Rhein-Galerie an – die Erreichbarkeit des Angebotes ist für Kunden, die mit dem Auto kommen, optimiert und diese Kunden sind für den funktionierenden Einzelhandel relevant. Diese Eigenschaften treffen auch auf Supermärkte zu, die mit ständig wechselnden Sonderaktionen den spezialisierten Einzelhandel preislich ein konkurrenzloses Angebot im Massensortiment entgegensetzen.

Neben der Erreichbarkeit gibt es jedoch noch als wichtige Stellgröße die Attraktivität des Angebotes und diese wird durch viele Parameter bestimmt. Einzelhändler mieten Gebäudeflächen, sorgen für die Schulung des Personals, lassen außergewöhnliche Ladeneinrichtungen bauen, sorgen für eine für Ihre Kunden attraktive Produktauswahl und Präsentation, usw, usw., wir alle können diese Aufzählung beliebig fortsetzen. All diese Maßnahmen sind mit Kosten verbunden. Daneben gilt es auch etliche Rahmenbedingungen zu erfüllen. Angefangen bei Kammerbeiträgen, Arbeitschutzvorschriften, Urlaubsbestimmungen, Tarifverträgen, Ladenschlußgesetzen,  Reinigungskosten usw., usw.. die Liste der Nebenbedingungen der unternehmerischen Tätigkeiten ist lang, ganz besonders bei uns in Deutschland und damit erhöhen sich die Kosten des Angebotes nochmals immens und dabei ist der durch Diebstahl verursachte Schwund und etliches weiteres noch nicht berücksichtigt.

Dieser Einzelhandel wird seit mittlerweile knapp 20 Jahren mit dem Phänomen der Digitalisierung und Disruption in Form des Onlinehandels konfrontiert. Das bedeutet, Händler bieten ihr Angebot 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, also auch an allen Sonn- und Feiertagen ohne die dargestellten Kosten der Erreichbarkeit und unter Umgehung geltender Tarifverträge des Handels. Onlinehandel greift dabei auf eine kostenlos überlassene Infrastruktur der Städte und Kommunen zurück, nutzt Verkehrswege und Adressierungssysteme. Zusammengefasst kann dieses Phänomen als Asymmetrische (ungleiche) Kostenlast bezeichnet werden. Verstärkt wurde der disruptive Charakter des Phänomens noch durch die massive staatliche Unterstützung des zwischenzeitlich größten Akteurs in diesem Segment, es entstand eine Onlineplattform mit Monopolcharakter. Von Beginn an übernahm ein damals noch staatlicher Paketdienstleister den Part der Güterverteilung für das anfangs hoch defizitäre Unternehmen. Mittlerweile hält der Staat über die Kfw nur noch ca. 20 Prozent an „seinem“ Paketdienst. Es wurde also Kasse gemacht, die Zeche zahlten unsere Innenstädte und damit wir als Bürgerinnen und Bürger der Kommunen und alle Steuerzahler, zu welchen das geförderte Unternehmen jedoch nicht in nennenswerter Weise gehört.

Diese Entwicklung ist jedoch noch nicht zu Ende. National und international entstehen mittlerweile riesige Logistikcenter. Bei uns auf der Grünen Wiese in Autobahnnähe, an Plätzen, an denen in Deutschland bisher jede Ansiedlung mittelständischer Unternehmen undenkbar gewesen wäre, werden dafür beste Ackerflächen großflächig versiegelt und werden Genehmigungen in bewunderswerter Schnelligkeit erteilt. Die realisierten Steuereinnahmen für die Kommunen fallen dann, wie bspw. die Erfahrungen aus Koblenz zeigen, weniger nennenswert aus als die kurzfristig realisierte Entlastung der Sozialkassen durch Beschäftigungseffekte im Niedriglohnsektor.Doch auch diese Entlastungseffekte sind allein von kurzer Dauer, wenn man künftige Entwicklungen der steigenden Automatisation und Autonomisierung der Auslieferkette betrachtet sowie die zunehmend im nicht nationalen oder europäischen Raum erfolgende Versandabwicklung betrachtet, dann heißt es bereits jetzt:  Heute bestellt, in drei Tagen aus China geliefert (vgl. http://www.miniinthebox.com/de/knowledge-base/c1292/a2922.html).

Gerade die Kommunen und hier besonders die Städte, tragen die Last der Disruption/Digitalisierung im Handel, ihnen entgehen Gewerbesteuereinnahmen und Einnahmen aus Einkommenssteuer durch den schwindenden lokalen Einzelhandel, Mieten bleiben aus, teuer errichtete Fußgängerzonen leiden bei gleichbleibend hohem Pflegeaufwand unter geringer Besucherfrequenz. Doch mittlerweile ist auch der Staat selbst „Opfer“ des internationalisierten Onlinehandels, da es bei außereuropäischen Händlern großer Plattformen zu massivem Umsatzsteuerbetrug kommt. (vgl. https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-23-02-2017/amazon-bundesregierung-verzichtet-auf-hunderte-millionen-euro.html).

Weshalb eine Ansiedlung wie die des Großlogistikers in Frankenthal für Städte wie Ludwigshafen von Nachteil ist, sieht man, wenn man auf die anstehenden Pläne des amerikanischen Branchenprimus blickt. Diese zeigen sich zum einen hinsichtlich eingereichter Patente zur Packautomatisation sowie im Ausbau einer eigenen Lieferstruktur, künftig auf autononme Systeme setzt. Kurzum, künftig soll die gesamte Wertschöpfungskette der größten Onlineplattform weitest möglichst ohne den Kostenfaktor Mensch abgebildet werden. In der Praxis bedeutet das, daß die Anlieferung durch autonom fahrende LKWs erfolgen soll, diese werden automatisiert entladen; Roboter lagern ein, kommissionieren,  packen und verladen. Autonomer Streckenverkehr bedient anschließend autonome Hubs (Verteilstellen) zur weiteren Verteilung im Nahverkehr. Die Nahverkehrsfahrzeuge fahren ebenfalls autonom und haben Auslieferdrohnen an Bord – ein großer deutscher Autohersteller investiert bereits heute 500.000.000 € in diese Idee (vgl. https://www.welt.de/motor/news/article157986344/Mercedes-Vision-Van.html; https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/die-zukunft-des-lieferverkehrs-drohnen-roboter-und-lastenraeder-die-vom-transporter-aus-ausschwaermen_H2017698173_319600/). Es wird einem schwindelig bei soviel Technikgläubigkeit, doch folgenschwer sind diese Überlegungen für unser gesamtes soziales Gefüge, denn eine solche Effizienzmaschinerie der Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten unserer Gemeinschaft. Zu den Entwicklungen im Versand/Onlinehandel gibt es unzählige Lektüre anbei eine allgemeine Empfehlung: http://www.dvz.de/themen/dossiers/amazon.html; http://www.gruenderszene.de/galerie/amazon-patente .

Wir dürfen mit Blick auf die Kosteneffizienz nicht die gesellschaftliche Bedeutung vorhandener Berufsbilder vergessen. Wenn Bundespolitiker heute bspw. die Zulassung von Versandapotheken fordern, dann müssen sie heute auch Lösungen dafür bereithalten, wie gefälschte Medikamente erkannt werden, Notdienste aufrecht erhalten und Medikamentationen altersgerecht erklärt werden, nur um einige wenige Punkte aufzugreifen. Die Antwort auf diese Fragen bleibt man uns von dieser Seite allerdings schuldig – Daher bleibt uns als Bürgerinnen und Bürgern nur die Möglichkeit, uns auf kommunaler Ebene zu engagieren und hier für Regelungen zu sorgen.

Ich spreche mich ausdrücklich für die Förderung und den Schutz lokaler Angebote aus. Als Kommune müssen wir Mittel und Wege finden, um den Handel und die Bereitstellung von  Dienstleistungen vorort zu stärken. Wenn die Beteiligung an entstehenden Kosten ungleich verteilt ist, müssen wir daran etwas ändern, um wieder fairen Wettbewerb zu garantieren.

Mein Lösungsansatz: Lizenzmodelle für die Nutzung lokaler Infrastruktur.

Adressat im Falle der Handelslösung: Letztes Glied der Lieferkette.

Soviel in Kürze zum Thema der Digitalisierung im Hinblick auf den Einzelhandel in unserer Stadt. Diese Ausführungen umfassen natürlich nur einen sehr geringen Teil des städtischen Lebens. Das Stichwort Industrie 4.0 steht stellvertretend für die Gesamtheit der anstehenden Veränderungen im Arbeits- und Produktionsprozeß und anders als die Bezeichnung mutmaßen läßt, sind hiervon nicht allein industrielle Maßstäbe betroffen.

Zurück zum Beispiel der Demokratisierung durch Digitalisierung. Eine Internetseite wie diese kann bereits heute durch Technologien wie IBMs Watson vollständig automatisiert erstellt werden. Künftig könnte hingegen jedem Leser ein eigenes, individuelles, meinungsabhängiges Angebot unterbreitet werden. Angefangen bei der  Zusammenstellung des Bildmaterials, dem Erstellen und Layouten von Texten und der Erzeugung filmischer Inhalte, die mediale Umgebung wäre/ist dann ein ausschließliches Abbild eines durch Verfahren der künstlichen Intelligenz prognostizierten eigenen Geschmacks. Politische Meinungsangebote werden so zu Produkten eines hochindividualisierten Populismus – Ist dann noch von Demokratisierung durch Digitalisierung zu sprechen ? Wohl kaum. Zugegeben, bei diesen Ausführungen ist noch einiges an Zukunftsmusik enthalten – allerdings sprechen wir dabei von einer recht naheliegenden Zukunft mit einem Erwartungshorizont zwischen zehn und zwanzig Jahren. Welche Aufgabe können Parteien in einer solchen Welt noch übernehmen oder stellt sich nicht vielmehr die Frage, darf eine demokratische Politik eine solche Entwicklung überhaupt zulassen? Ich denke nicht. Besser also, wir diskutieren bereits heute darüber – dies gilt selbstverständlich nicht nur für die problematischen Seiten der Digitalisierung, welche dringend einer Regulierung bedürfen sondern ganz besonders auch für die vielfältigen und aufregenden Chancen, die Technik bietet.

Es ist dringend an der Zeit, daß wir uns „in der Mitte der Gesellschaft“ mit diesen Themen ernsthaft auseinandersetzen.  Im Juni 2017 findet der 1. Digitalgipfel des BMWI (Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie) in Ludwigshafen statt. Dies ist sicherlich der geeignete Ort für eine solche Diskussion.

Kommen Sie in die Innenstadt Ludwigshafens, diskutieren Sie mit.

12.-13. Juni 2017 – Pfalzbau Ludigshafen

Weitere Informationen finden Sie hier: http://initiatived21.de/veranstaltungen/digitalgipfel-2017-der-bundesregierung/

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